Wer nicht der Norm entspricht, läuft schnell Gefahr, abgewertet zu werden. Dabei übersehen die meisten, dass niemand völlig „normal“ ist. Es sind die individuellen Besonderheiten, die uns zu Menschen mit den unterschiedlichsten Eigenschaften und Vorzügen machen. Von Märchen können wir diesbezüglich viel lernen. Sie erzählen von Wundern, Flüchen und nicht selten von Menschen, die alles andere als perfekt und gerade deshalb besonders und liebenswert sind.
Die schöne Prinzessin war anfangs ein armes Mädchen, der tapfere Prinz galt als dümmster von drei Brüdern. Es gibt den Buckligen, den Däumling, das Mädchen ohne Hände und viele andere. Das vergessen wir gerne, weil wir uns oft nur an das glückliche Ende erinnern.
Märchen erzählen häufig von gesellschaftlichen Außenseitern, die mit Hilfe von Zaubereien, wundersamen Begegnungen oder durch Gutherzigkeit und Hilfsbereitschaft ihre missliche Lage und die Vorurteile der anderen überwinden. Märchenfiguren mit Handicap sind häufig Sympathieträger. In Märchen steckt Toleranz. Denn anders als in vielen Erzählungen hängt das Glück der Märchenfiguren nicht an der Auflösung der Behinderung.
Viele Märchen stellen damit einen sehr inklusiven Gedanken in den Mittelpunkt der Geschichte und erschaffen eine neue Zugangsweise zur Welt: Der Glaube an sich selbst und die Akzeptanz des Andersseins ist das eigentliche Ziel. Die „Seinsgewissheit“ ist der Schlüssel zu einem glücklichen und selbstbestimmten Leben.

Kai Wegner
Regierender Bürgermeister von Berlin
Schirmherr der 36. BERLINER MÄRCHENTAGE
Es war einmal vor langer Zeit … Mit diesen Worten beginnen viele Märchen. Und mit diesen Worten können wir auch eine Geschichte der Berliner Märchentage beginnen. Denn vor langer Zeit, vor mittlerweile 35 Jahren, haben die Berliner Märchentage ganz klein angefangen – und sind in den Jahren dann sehr schnell sehr groß geworden. Heute richten die Berliner Märchentage in jedem November Hunderte von Lesungen und weitere Veranstaltungen mit vielen tausend Besucherinnen und Besuchern aus. Welch toller Erfolg!
In diesem Jahr geht es bei den Berliner Märchentagen um wahre Stärke und die Überwindung anscheinend unüberwindlicher Hindernisse. So begegnen wir in Märchen oft der Erzählung, dass vermeintlich Schwache sich in Gefahrensituationen als die wahren Starken erweisen, dass Zaghafte sich ein Herz fassen und über sich hinauswachsen, dass die Kleinsten zu den Größten werden, dass die Guten über die Bösen siegen.
Zunächst sind Märchen natürlich spannende Geschichten mit Heldinnen und Helden, Hexen und Zauberern, Riesen und Zwergen, Gespenstern, Einhörnern oder Drachen. Darüber hinaus vermitteln Märchen aber sehr viele Weisheiten und Botschaften aus vergangenen Tagen, die uns auch heute etwas zu sagen haben.
Das Vorlesen oder auch die Darstellung von Märchen haben bis heute nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. Die Freude am Vorlesen schafft nach wie vor Gemeinschaftserlebnisse für Kinder, Eltern und Großeltern.
Ich wünsche allen kleinen und großen Besucherinnen und Besuchern gute Unterhaltung und viele schöne Stunden bei den Berliner Märchentagen.

Sarah Wedl-Wilson
Senatorin für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt in Berlin
In diesem Jahr richten die Berliner Märchentage ihren Blick auf das, was Märchen über alle Zeiten und Kulturen hinweg miteinander verbindet: die Kraft der Überlieferung und ihre weltweite Strahlkraft.
Märchen gehören zum kulturellen Erbe der Menschheit – erzählt, weitergegeben, verwandelt. Von Generation zu Generation, über Grenzen hinweg leben sie in unzähligen Sprachen und Formen weiter. Sie erzählen von Liebe, Mut, Verlust, List, Hoffnung – universellen Themen, die Menschen auf der ganzen Welt bewegen.
Ob in den Alpen, in der Savanne, im Regenwald oder in den Steppen Zentralasiens – überall gibt es Geschichten, in denen Helden und Heldinnen Prüfungen bestehen, sich gegen Ungerechtigkeit stellen und über sich hinauswachsen. So verschieden sie auch klingen mögen, oft spiegeln sie denselben menschlichen Wunsch wider: gesehen, gehört und verstanden zu werden – trotz oder gerade wegen der eigenen Besonderheit.
Die Berliner Märchentage feiern diese Vielfalt der Erzähltraditionen und machen erlebbar, wie tief verwurzelt das Verbindende im scheinbar Fremden ist. Märchen laden uns ein, neugierig zu bleiben, Unterschiede zu schätzen und Gemeinsamkeiten zu erkennen.
Ich danke allen Beteiligten für ihre Hingabe an dieses internationale Erzählen. Und ich wünsche allen großen und kleinen Besucherinnen und Besuchern inspirierende Reisen durch Geschichten, die uns über Kulturen hinweg verbinden – und erinnern:
Das Märchen ist ein Geschenk, das weitergegeben werden will.

Silke Fischer
Geschäftsführerin MÄRCHENLAND e.V.
„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen“ schrieb Johann Wolfgang von Goethe. Dieses Zitat bringt auf den Punkt, worum es bei den 36. Berliner Märchentagen geht. Unter dem Motto „Herausforderungen und wahre Stärke“ erzählen wir in diesem Jahr Geschichten von Heldinnen und Helden, die über sich hinauswachsen.
Märchen offenbaren einen zutiefst inklusiven Kern. Denn gerade in den Märchen sind es oft die Armen, Schwachen und Unterschätzten, die sich gegen widrige Umstände behaupten, schwere Prüfungen bestehen und am Ende das Glück finden. Sie zeigen: Wahre Stärke misst sich nicht an äußerem Reichtum, oder Macht, sondern wächst im Herzen, aus Mitgefühl, Klugheit und der Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Bekannte Märchenfiguren wie das Aschenputtel, das trotz aller Diskriminierungen nicht aufgibt, oder der Däumling, der – scheinbar schwach und klein – sich mit List und Mut durchsetzt, stehen beispielhaft für diese Botschaft.
Gerade in der heutigen Welt voller Unsicherheiten und sozialer Herausforderungen geben Märchen wichtige Impulse. Sie feiern Vielfalt, fördern Zusammenhalt und machen Mut, neue Wege zu gehen, selbst wenn sie ungewohnt oder steinig sind. Oder, um es mit Pippi Langstrumpf auszudrücken: „Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe.“
Die 36. Berliner Märchentage laden dazu ein, sich inspirieren zu lassen, um die Hürden des Lebens zu überwinden, das scheinbar Unmögliche zu schaffen und uns zu zeigen: Wahre Stärke wächst oft dort, wo man sie nicht erwartet. Und genau da beginnt das Märchen.
Ich danke allen Mitwirkenden, Partnern und Unterstützern und wünsche kraftvolle 36. Berliner Märchentage!